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Zwischen Wissenschaft und Gesundheitspolitik

Aristoteles: «Die souveräne Wissenschaft ist die politische Wissenschaft»

Seit acht Jahren habe ich das Privileg, die Gesundheitspolitik im Parlament direkt mitzuerleben. Vorher war ich Internist, Wissenschaftler im Bereich der öffentlichen Gesundheit und als Kantonsarzt in der Verwaltung des Gesundheitssystems tätig. Diese Laufbahn hat mich dazu gebracht, mir viele Fragen über die bestehenden Schnittstellen zwischen Gesundheitspolitik und Wissenschaft, sogar zwischen Gesundheitspolitik und öffentlicher Gesundheit zu stellen.

Der Vortrag des Professors Gerlinger berührt viele neuralgische Punkte dieses gespannten Verhältnisses, das man mit dem Begriff «Hassliebe» beschreiben könnte, ähnlich der zwischen Politik und Journalismus. In beiden Fällen stützt sich jedes System auf das andere. Diese Beziehung der Abhängigkeit vermischt Bewunderung mit Eifersucht; in Wirklichkeit folgen diese Systeme einfach einer unterschiedlichen Epistemologie: «Politik und Wissenschaft sind soziale Teilsysteme, die einer verschiedenen Logik unterliegen» – fasst Prof. Gerlinger perfekt zusammen.

Politik und Wissenschaft: Synonyme?

Zunächst muss man sich auf die Begriffe einigen. Wir sprechen über «Gesundheitspolitik», aber die Definition von «Politik» ist ungenau, und die von «Gesundheit» sogar noch mehr. Die Wissenschaft hat im Laufe des 20. Jahrhunderts den politischen Diskurs nicht wirklich erhellt. Die Gesundheits- politik blieb vor allen Dingen «Politik»: für Otto von Bismarck die «Kunst des Möglichen» und für John Kenneth Galbraith «die Wahl zwischen dem Katastrophalen und dem Unangenehmen». Der Begriff der «Politik» stammt jedoch aus dem griechischen «Polis» (die Stadt) und «Techne» (die Wissenschaft): Die Politik definiert sich also als eine Wissenschaft der Leitung eines Gemeinwesens, gewissermassen die Wis- senschaft des Ideals. So vermischen sich auf einmal die Worte «Wissenschaft» und «Politik». Wenn die Politik die Wissenschaft von der Staatslenkung ist, ist die Gesundheitspolitik eine Teileinheit davon, die spezifische Wissenschaft von der Leitung des Gesundheitsbereichs.

Wie soll man Gesundheit definieren?

Aber hier stellt sich ein zweites Problem: Das Wort «Gesundheit» ist noch ungenauer als das Wort «Politik». Auch wenn offenbar alle sich einig sind, dass die Definition der «Gesundheit» der WHO von 1946 überholt ist, konnte keiner sich bisher mit einer neuen durchsetzen. Der Begriff «Gesundheit» wird, auch wenn er sich ständig ändert, jedoch als Antithese dem der Krankheit gegenübergestellt, der immer mehr an Bedeutung gewinnt. Heutzutage erleben wir ein Paradoxon: Nie haben wir in der Geschichte der Menschheit so lange und so gesund gelebt, aber der öffentliche Diskurs konzentriert sich auf die Explosion der chronischen Krankheiten und der Gesundheitskosten. Die politische und Populärkommunikation dreht sich somit um Klischees, die Gerlinger als «Leitmotive» oder «Mythen» definiert. Während die Politik sich zu oft auf diese bezieht, bleibt die Wissenschaft stumm, obwohl sie uns aufklären und zu einer objektiveren Vision der Realität zurückführen sollte!

Die Wissenschaft hat sich von politischen Fragen entfernt

Wo sind die Wissenschaftler, die die Schweizer zur Vernunft mahnen, die Politik und ihre unbegründeten Entscheidungen herausfordern und sich in den Medien ausführlich äussern sollten? Was gesellschaftliche Fragen angeht, hört man eher noch die Meinung eines bekannten Sportlers oder eines Fernseh-Starlets als die Meinung der Intellektuellen. Die Wissenschaftler wagen sich nicht genug aus der Deckung, vielleicht denken sie, dass die Wissenschaft eine zu edle Angelegenheit ist, um sich in populäre Debatten einzumischen, und dass die Politik einfach zu gewöhnlich ist. Die Wissenschaft ist zu verschlossen und ist bereits eine Art Subkultur geworden, deren Zweck nur die Produktion wissenschaftlicher Publikationen ist, der wiederum leider nur ihren Autoren und ihrer akademischen Karriere nützen wird und weniger der Verbesserung des Lebens in der «Polis». Dieses Modell der völlig von ihrem universitären Milieu in Anspruch genommenen Wissenschaftler erklärt zum Teil den Graben, der sich zwischen Wissenschaft und Politik aufgetan hat. Bei der Volksabstimmung vom 9. Februar 2014 gegen die Masseneinwanderung haben die Wissenschaftler sich am nächsten Tag massenhaft erhoben, um Forderungen an die Politik zu stellen, plötzlich aufgeweckt durch die Furcht, die Finanzierungen für ihre Forschung nicht mehr zu erhalten, da das Programm «Horizons 2020» gefährdet war. Vor der Abstimmung hatten die Weisen anderes zu tun. «Die Wissenschaft hat ihre Glaubwürdigkeit in den Augen der Öffentlichkeit verloren» – behauptet zu Recht Prof. Gerlinger.

Die Diktatur der Mehrheit

In einem Land wie dem unsrigen, das einen hohen Grad an Organisation und Komplexität erreicht hat, ist es schrecklich schwierig, ein Zahnrad des Gesamtsystems auszuwechseln. Jede Änderung wird wie eine potenzielle Bedrohung unserer Errungenschaften wahrgenommen. Die Wissenschaft könnte uns im besten Falle sagen, wo die richtigen und vernünftigen Entscheidungen liegen würden. Aber in der Politik nützt es nichts, Recht zu haben, man muss die Mehrheit der Wähler für seine Sache gewinnen! Vor allem in einem Land wie der Schweiz, das nach einem wertvollen System der direkten Demokratie funktioniert. In diesem Zusammenhang droht die Demagogie als grösster Feind der Demokratie.

Die Diktatur der Gesundheit

Die Gesundheitsexperten meinen, dass die Förderung und Wiederherstellung der Gesundheit Prioritäten für unser gemeinschaftliches Leben sind, aber ohne das zu erkennen, was man als eine Art «Betriebsblindheit» bezeichnen könnte. Der politische Horizont ist da viel breiter und erlaubt keine derartige «Gesundheitsdiktatur». Sobald das Ziel der Gesundheit zu einem überschätzten Element wird, erscheinen Abwehrreaktionen wie Antikörper (erinnern wir uns an das Schicksal des Bundesgesetzes über die Prävention). So sind wir dazu verdammt, in kleinen Schritten voranzuschreiten, wenig spektakulär und eher frustrierend für einen Politiker, der seinen Wählern gerne konkrete Ergebnisse präsentieren würde, um wiedergewählt zu werden.

Fazit

Trotz der Komplexität des Vokabulars und der epistemologischen Widersprüche, trotz einer Wissenschaft, die etwas zu sehr in ihrem Elfenbeinturm eingeschlossen ist, und obwohl die Politik zu sehr von Klischees beeinflusst ist, macht unsere Gesellschaft durchaus beachtliche Fortschritte. Obwohl die Gesundheitsindustrie uns einzureden versucht, dass die Medizin allmächtig sein und bald den menschlichen Traum der Unsterblichkeit endlich realisieren könnte, habe ich Vertrauen in die Weisheit des Volkes – mehr als in eine technokratische Leitung der Gesundheitspolitik – um das bestmögliche Gleichgewicht zwischen «dem Kopf und dem Bauch», zwischen Wissenschaft und Politik zu finden.

in Clinicum Report 2015

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