Geniessen wir die Sommerhitze - NZZ, 19.08.2012 PDF Stampa E-mail
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Der externe Standpunkt NZZ am Sonntag

Geniessen wir die Sommerhitze

Wir schwitzen bei Hitze und das Hirn wird schlechter durchblutet. Ideal um weniger zu denken. Der Sommer gehört der Familie und der Entspannung,

schreibt Ignazio Cassis

Nein, ich verkaufe keine Klimaanlagen. Dies ist kein Werbespot einer Firma, sondern das Lob der Wärme eines Tessiners. Kaum erstaunlich, sind wir Tessiner doch schliesslich in der Sonnenstube geboren und aufgewachsen. Bei 32 Grad am Tag und 24 in der Nacht fühle ich mich einfach wohl. Das habe ich offensichtlich von meiner Mamma mit der Muttermilch bekommen. Kurze Hosen, T-Shirt und ab in den Garten. Ohne unnötigen Ballast, 100 Prozent frei barfuss tanzend auf dem Gras. Ich liebe den Sommer. Mark Twain sagte dass der Sommer die Zeit ist, in der es zu heiss ist, um das zu tun wozu es im Winter zu kalt war. Mag sein. Im Winter bin ich bestimmt effizienter.

Die Wärme beeinflusst unser Verhalten. Bei heisser Temperatur fliesst das Blut in die Peripherie. Der Körper muss Wärme abgeben. Wir können ja nicht wie Hunde mit ausgestreckter Zunge im Turbotempo keuchend her umlaufen. Nein, wir schwitzen. Im Gehirn bleibt deswegen zu wenig Blut, um vernünftig zu überlegen. Es liegt brach. Ideal für den Strand. Ist also die Physiologie verantwortlich für die geringere Produktivität von Südländern? Bei Kälte hingegen konzentriert sich das Blut in den lebenswichtigen Organen. Das Gehirn ist schön warm, weil es durchblutet ist. Eine wahre Denkfabrik. Haben die Länder nördlich der Alpen etwa darum mehr Nobelpreisträger?  Ich gebe zu, das sind Spekulationen!

Fakt ist, in meiner Agenda steht zwischen Mitte Juli und Mitte August ein grosses NEIN für jegliche politische Verpflichtung in Bern. Dieser sommerliche Monat gehört mir, meiner Familie, meiner Wählerschaft. Zeit für Begegnungen,  zur Pflege alter Freundschaften, zum Ausspannen auf dem Luganersee. Zeit, um gemütlich in einem kühlen Grotto von Montagnola zu essen, da wo «Siddhartha» entstanden ist. Übrigens, Herman Hesse ist vor genau 50 Jahren in Montagnola verstorben. Ein Nordmensch, der aber das Beste von sich südlich der Alpen in der Wärme gegeben hat. Ein Beweis gegen meine Theorie? Vielleicht schon. Anderseits, ein Fall ist kein Fall!

Etwas finde ich witzig Die Redaktion der «NZZ am Sonntag» hat mich im Februar angefragt ob ich ein paar Gedanken über die Kälte schreiben könne. Ich wies die Anfrage dankend ab, und zwar aus Jakarta, bei 31 Grad Wärme. Von dort über die Kälte zu schreiben wäre paradox gewesen. Zudem bin ich als Tessiner dafür die falsche Person. «Fragen Sie doch jemanden aus La Brévine» - war meine Reaktion. Dieses kleine Dorf im Kanton Neuenburg gilt als das schweizerische Sibirien. Im Januar 1987 hat man dort minus 41 8 Grad gemessen. Sie wissen wovon sie reden. Im schlimmsten Fall käme auch jemand aus Zürich infrage. Hier lebte ich während meines Studiums und entdeckte die Schweizer Kälte-  meteorologisch gemeint.

Sommerzeit ist auch eine gute Saison, um politische Freundschaften zu pflegen,  es gibt weniger Streitigkeiten. In der Wärme ist der Mensch - genau wie das Eisen – flexibler, man neigt zu Kompromissen. Das haben die Engländer vor langer Zeit entdeckt als sie die Maxime «Strike while the iron is hot» (Schmiede das Eisen solange es heiss ist) prägten. Heikle Geschäfte sollten also nicht in der Kälte diskutiert werden. Ist das vielleicht der Grund warum bei solcher Gelegenheit oft ein Glas Wein getrunken wird? Alkohol täuscht Wärme vor indem er die Hautgefässe erweitert.  Man spürt Wärme, obwohl das Gehirn weniger Blut erhält. Ihm wird kalt, die Gedanken werden nebelig. Bei Verhandlungen sollte man deshalb Alkohol besser meiden. Nach einem erfolgreichen Abschluss hingegen gibt es keine Kontraindikation mehr! Mit Mass.

Das gilt auch für die Wärme: mit Mass ! Was früher allgemeine Weisheit war, muss heute bei einer Hitzewelle durch teure Informationskampagnen mitgeteilt werden. Das Radio sendet dann pausenlos Botschaften wie «Bei 40 Grad bitte nicht im Freien herum joggen » oder «Betagte in Pflege- und Altersheimen nicht auf der Terrasse sitzen lassen» und «Kinder über Mittag nicht ohne Kopfbedeckung am Strand spielen lassen».

Eine Hitzewelle Anfang August 2003 hatte in Europa Hunderte von Todesopfern zur Folge. Der schwarze Hautkrebs (Melanom) nimmt auch in der Schweiz zu. Pro Jahr erkranken etwa 2100 Menschen an einem malignen Melanom: das sind rund 6 Prozent aller Krebserkrankungen. Masshalten ist also empfohlen. Und wenn Sie Ihre Ferien im Tessin verbringen, rate ich Ihnen davon ab, in der grössten Mittagshitze gerade Polenta und Brasato zu essen mit einem guten Glas Merlot. Weil aller guten Dinge bekanntlich drei sind, soll man bei Wärme und Freude die Vernunft nicht vergessen!

Noch ist der Sommer nicht an seinem Ende. Doch bald blickt der Herbst durch das Schlüsselloch. Seine bunten Blätter und seine milden Düfte färben langsam meine Phantasie. So freue ich mich auf die Herbstsession im Parlament. In der Hoffnung dass sie nicht zu heiss wird! Der Sommer ist ja dann vorbei.

Ignazio Cassis, 51, ist Facharzt FMH für Innere Medizin Prävention und Gesundheitswesen sowie seit 2007 Nationalrat der FDP Tessin. Der in Montagnola lebende Politiker war von 1996 bis 2008 Kantonsarzt des Tessins und von 2008 bis 2012 Vizepräsident der Ärztevereinigung FMH.


 

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