| «Freie Arztwahl ist zu einem Modebegriff geworden» - Kunenmagazin Zur Rose 1/2012, 23.3.2012 |
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Der Tessiner Nationalrat Ignazio Cassis (FDP) gehört zu den profiliertesten Gesundheitspolitikern der Schweiz – so profiliert, dass er als Vizepräsident der FMH zurücktritt, weil sie die Managed-Care-Vorlage bekämpft.
Folium: Am 17. Juni wird über die Managed-Care-Vorlage abgestimmt, die Sie massgeblich gestaltet haben. Weshalb soll man Ja stimmen? Ignazio Cassis: Diese KVG-Änderung schafft die Rahmenbedingungen, damit die Patienten qualitativ besser betreut werden. Die Medizin ist derart komplex geworden, dass nur eine gezielte Begleitung und wirksame Koordination die Qualität erhöhen und das Kostenwachstum dämpfen können. Der Hausarzt ist bestens für diese Regie geeignet.
Die Gegner sehen vor allem die freie Arztwahl beschnitten. Was antworten Sie ihnen? Die freie Arztwahl ist zu einem Modebegriff geworden. Freie Arztwahl heisst auch, direkt zum falschen Spezialist zu gehen – mit entsprechenden Folgen. In den Spitälern gibt es keine freie Arztwahl, obwohl dort die Risiken viel höher sind als in der Arztpraxis. Da reklamiert niemand! Zudem wird die freie Arztwahl mit der Revision nicht abgeschafft; die Wahl des Hausarztes ist so frei wie zuvor. Zum Spezialist sollen die Patienten aber im Einvernehmen mit dem Hausarzt gehen.
Falls das Volk Nein sagt: Ist dies das Ende der Integrierten Versorgung? Auf keinen Fall, doch wird sich die Integrierte Versorgung dann langsamer entwickeln. Das heutige Gesetz sieht nur alternative Versicherungsmodelle vor, die dem Kostensparen mit Patientenselektion dienen. Das Parlament hingegen will Anreize schaffen für eine echte Integration, die vor allen den chronisch kranken (und teuren) Patienten dient. Auf dieser Basis können dann Ärzte und Versicherer gemeinsam wirksame Modelle entwickeln.
Ein weiteres Geschäft, das Ihnen am Herzen liegt und auf der Kippe steht, ist das Präventionsgesetz. Wagen Sie eine Prognose? Politische Prognosen sind gefährliche Übungen! Das Gesetz ist nötig, um Ordnung zu schaffen. Eine klare Aufgaben-und Lastenverteilung ist die Voraussetzung, damit die Gelder der Steuerzahler gut eingesetzt werden. Die Gegner haben Angst, dass dieses Gesetz die Bürgerinnen und Bürger bevormundet. Im Gesetz ist keine Rede davon – sonst würde ich es als Liberaler nicht unterstützen!
Ein nächstes grosses Revisionsprojekt ist das Heilmittelgesetz. Wird die Abschaffung der SD zu einem ernsthaften Thema? Die Selbstdispensation wird immer mehr zum Thema: Die deutsche Schweiz – und nicht einmal überall – ist in Europa die letzte Insel. Das wird zunehmend als ethisches Problem empfunden. Ob das Thema in der Revision enthalten sein wird, ist derzeit ungewiss. Es ist auch nicht so dringlich wie die Förderung der integrierten Versorgung oder Prävention.
Sie sind ein starker Befürworter der Qualität- und Nutzenorientierung im Gesundheitswesen. Doch weder die Qualitäts- noch die HTA-Strategie des Bundes kommen richtig voran. Was ist zu tun? Die FDP hat 2010 im Parlament zwei Fraktionsmotionen durchgebracht, die ein nationales Institut für Qualität und HTA (Health Technology Assessment) verlangen. Jetzt arbeitet die Verwaltung an der Umsetzung. In der Schweiz neigen wir zum bestmöglichen Konsens, weshalb der Zeitbedarf enorm ist. Dafür werden die Entscheide am Schluss breiter und besser unterstützt. Ich bin also geduldig und optimistisch.
Was sind, neben den genannten Themen, die gesundheitspolitischen Prioritäten der laufenden Legislatur? Die Revisionen des Epidemiengesetzes und der Fortpflanzungsmedizin sowie das neue Bundesgesetz über die Gesundheitsberufe. Weiter werden wir über zwei wichtige Volksinitiativen debattieren: die Stärkung der Hausarztmedizin und die Schaffung einer öffentlichen Einheitskasse. Zudem werden wir uns mit der monistischen Finanzierung beschäftigen: Ambulant und stationär sollen künftig durch eine Hand und gleich finanziert werden.
Wo liegen Ihre persönlichen Prioritäten? Bei der Qualitäts- und HTA-Strategie, der neuen Fortpflanzungsmedizin und der monistischen Finanzierung des Systems.
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