Zukunftsmedizin ist Teammedizin - NZZ, 23.04.2012 PDF Drucken E-Mail
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Wer hat die Erfahrung noch nicht gemacht? Ich komme zum Arzt und die Resultate von Spital und Spezialist sind nicht da. Die Praxisassistentin versucht sie rasch per Fax zu bekommen, findet aber die richtigen Gesprächspartner nicht.  So wiederholt mein Hausarzt wenigstens die wichtigsten Untersuchungen. Der Rest wird morgen erledigt, sobald die nötigen Informationen da  sind. Inzwischen verschreibt er mir ein Medikament. Mein Arzt ist gut und ich vertraue ihm. Der ganze Ablauf ist aber unbefriedigend: Ist es im Zeitalter des Internets tatsächlich möglich, dass das Gesundheitssystem wie vor 50 Jahren organisiert ist?

Komplexität verlangt eine Regie

Die medizinische Versorgung wird immer komplexer: Zu Arzt, Apotheker, Pflegenden und Spital sind in den letzten Jahrzehnten viele weitere Gesundheitsberufe und Organisationen hinzugekommen: von hoch spezialisierten Funktionen in Kliniken und Labors über die Medizinaltechnik bis zur Finanz und Logistik. Ganz zu schweigen von allen Anbietern der Paramedizin und den Naturheilpraktikern mit weit über hundert verschiedenen Methoden. In der Schweiz verdienen mehr als 520‘000 Menschen ihr Leben im Gesundheitswesen; 8‘000 neue Arbeitsplätze werden jährlich geschaffen. Die Medizin selber ist in viele Fachbereiche zersplittert. Ein Krebspatient zum Beispiel wird heute nicht mehr allein von seinem Arzt betreut; sogenannte tumor boards mit Fachpersonen aus mehreren Disziplinen sind entstanden.

Diese Komplexität verlangt nach einer Abstimmung der verschiedenen Fachpersonen - sonst sind Fehler programmiert. Die Qualität der Betreuung sinkt und die Unsicherheit der Patienten steigt. Paradox, aber wahr: Wir zahlen immer mehr, sind aber zunehmend verunsichert. Die Lösung heisst Integrierte Versorgung oder Managed Care: Damit sind innovative Versorgungsformen gemeint, welche sowohl die Qualität der Betreuung als auch deren Kosten optimieren. Genau solche Versorgungsformen möchte die KVG-Revision fördern, über die am 17. Juni abgestimmt wird (Managed-Care-Vorlage).

Eine etablierte Form der Integrierten Versorgung sind Ärztenetze: Hier verpflichten sich die Versicherten solidarisch zu verhalten und bei gesundheitlichen Beschwerden immer zuerst den selbst gewählten Netzarzt zu konsultieren (ausgenommen sind Notfälle sowie der Frauen-, Kinderarzt und Augenarzt). Im Gegenzug erhalten sie einen Prämienrabatt und der Selbstbehalt ist tiefer. Mit der Gesetzesrevision werden solche Versorgungsnetze gefördert, in denen unabhängige Hausärzte ihre Patienten durch das komplexe Gesundheitssystem begleiten und Mitverantwortung für die Kosten übernehmen. Zugleich ist im Gesetz eine wichtige Gewaltentrennung verankert: Ärzte dürfen nicht mehr Angestellte von Krankenkassen sein und Krankenkassen dürfen nicht mehr eigene Praxen und Netze besitzen. Somit ist gewährleistet, dass die medizinische Behandlung nicht dem Kostendruck der Kassen ausgesetzt ist, was im heutigen Gesetz leider noch möglich ist.

Eine breite politische Allianz aller Couleur trägt das neue Gesetz, zusammen mit Hausärzten, Apothekern sowie verschiedenen Patienten- und Konsumentenorganisation und Wirtschaftsverbände. Gemeinsames Anliegen ist eine höhere Patientensicherheit und  eine bessere Betreuungsqualität: weniger Informationsverlust, weniger Doppelspurigkeiten, weniger Komplikationen, weniger Wechselwirkungen bei Medikamenten, weniger Notfall- und Rehospitalisationen. Und damit weniger menschliches Leid und keine überflüssige Kosten – angesichts der jährlichen Prämiensteigerung ein sehr erwünschter Zusatzeffekt!

Zwischen Hausarzt und Spezialist

Gegen dieses Gesetz haben vier Arztkomitees und die Gewerkschaft VPOD das Referendum ergriffen. Vier Fünftel der rund 130‘000 Unterschriften wurden von den chirurgisch und invasiv tätigen Ärzten gesammelt. Das Engagement der Chirurgen zeugt von deren Besorgnis um ihre Zukunft: Das ist ernst zu nehmen. Leider konnte die Politik sie (noch) nicht überzeugen, dass Managed Care auch Spezialisten neue Chancen eröffnet. Obwohl der direkte Zugang der Versicherten zum Spezialisten erschwert wird, bleiben die Spezialärzte für ein gutes Gesundheitswesen unentbehrlich. Denn die Hausärzte kennen ihre Grenzen und werden die Patienten aus ihrem Netz bei Bedarf an die Spezialisten überweisen – und zwar die richtigen Patienten an die richtigen Spezialisten. Folglich werden diese nicht mehr mit Patienten überschwemmt, die gar keine Spezialisten benötigen – was für den gut ausgebildeten Spezialisten frustrierend und für uns Prämienzahler teuer ist.

Innovation macht Angst

Innovationen im Gesundheitssystem sind bekanntlich schwierig umzusetzen. Zum einen hat Gesundheit in unserem Alltag einen hohen Stellwert, zum anderen leben – direkt und indirekt – rund eine Million Menschen vom Gesundheitswesen. Jede Änderung, welche unter anderem die Kostenentwicklung dämpfen will, wird folglich als Bedrohung empfunden – Widerstand ist programmiert. Angst ist zwar menschlich, sich aber gegen nötige Innovationen zu sperren löst die Problemen nicht; sie werden nur hinausgeschoben.

Anderseits haben es die ärztlichen Standesorganisationen bisher nicht geschafft, Alternativen aufzuzeigen. Im Fall einer Ablehnung dieser Vorlage – die 2006 von der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH) noch begrüsst und gefördert wurde -  wird das Parlament auf die Abschaffung des Vertragszwanges zurückkommen. Eine Lösung, die die Krankenkassen bestimmen lässt, welche Ärzte für die Grundversicherung Leistungen erbringen dürfen. Damit würde die freie Arztwahl tatsächlich eingeschränkt, was in meinen Augen für die Patienten wie für die Ärzte die schlechtere Alternative ist. Ebenso die von der SP vorgeschlagene öffentliche Einheitskasse: Eine Revolution mit Staatsmedizin brauchen wir nicht. War wir brauchen ist eine vernünftige, zweckmässige Anpassung des Versorgungssystems an die veränderten gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und medizinischen Rahmenbedingungen.

Zukunftsmedizin ist Teammedizin

Mehr als die Hälfte der heute ausgebildeten Ärzte sind Frauen. Viele von ihnen möchten neben dem Beruf Kinder haben. Auch viele junge Ärzte wollen sich heute stärker um ihre Familie kümmern als frühere Generationen. Versorgungsnetze sind für sie ideal: Ärzte und Ärztinnen, die Eltern sind,  können zu 50, 70 oder 80 Prozent berufstätig sein und ausserhalb der Praxis ein Privatleben haben. Versorgungsnetze sind zugleich eine gute Lösung zur Stärkung der Hausarztmedizin: Hausärzte erhalten mehr Verantwortung, grössere therapeutische Freiheit  und mehr Teamarbeit als sie in den heutigen Einzelpraxen haben. Teammedizin ist die Zukunft. Das wird den Hausärzten mehr Freude im Beruf bringen. Und zufriedenere Ärzte behandeln ihre Patienten besser!

Als Patient erwarte ich, dass ich optimal betreut werde und die Behandlungskosten nicht übermässig steigen. Dafür übernehme ich auch gerne meine eigene Verantwortung – und lege überzeugt ein JA zu Managed Care in die Urne.

Dr. med. Ignazio Cassis, Nationalrat FDP.Die Liberalen (TI)