«J’aime mon pays et j’ai envie de pouvoir participer à son avenir»
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Der Kronfavorit
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Seit Wochen im Scheinwerferlicht

Der Raclette-Abend im Wallis fühlte sich für Ignazio Cassis wie ein perfekter Einstieg in die Sommerpause an. Doch am Tag nach dem gemütlichen Essen mit Parteikollegen im Juni kam es anders: Bundesrat Didier Burkhalter kündigte überraschend seinen Rücktritt an und Nationalrat Ignazio Cassis konnte keinen Gedanken mehr an ruhige Sommertage verschwenden. Von da an stand er als Bundesratskandidat im Scheinwerferlicht, „es gibt Dinge, die mehr Freude machen“, sagt er dazu rund einen Monat später in einem Luganeser Restaurant. Ihm wäre lieber gewesen, seine Kantonalpartei hätte ihn nicht so früh empfohlen. Es ist bereits der zweite Medientermin an diesem Tag, doch wirkt er weder gestresst noch unfreundlich noch medienüberdrüssig. Die Sonne scheint, es weht ein leichter Wind und von der Restaurantterrasse geht der Blick auf die Stadt und den See. Als Deutschschweizer fühlt man sich wie ein Gast in den Ferien.

Als Tessiner fühlte sich Ignazio Cassis in der Deutschschweiz wie ein Ausländer. Das war in den 80er-Jahren und er studierte in Zürich Medizin. Heute spricht er fliessend Deutsch und Französisch, hat im Welschland gelebt und verbringt mehr Zeit in Bern als in seinem Heimatkanton. Das Gespür für die unterschiedlichen Mentalitäten ist ihm geblieben. Cassis könnte dazu unzählige Anekdoten erzählen, lässt es aber bei einem Beispiel bewenden: Weil er nicht Dialekt verstand, konnte er nicht mitlachen, wenn seine Zürcher Kollegen Witze erzählten. Irgendwann war er mit dem Dialekt vertraut, „aber gelacht habe ich noch immer nicht“. Man findet eben nicht überall dasselbe lustig. Inzwischen kommt der 56-Jährige mit dem Deutschschweizer Humor perfekt zurecht. „Beim Witze erzählen sagte man mir schon, ich sei überintegriert.„

Elegant schlägt Cassis den Bogen zur politischen Aktualität: Gerade weil es diese Unterschiede gebe, müsse man alle Landesteile in Bundesbern einbinden. Deshalb kandidierte er schon 2010 für den Bundesrat, wohl wissend, dass er nach nur drei Jahren im Nationalrat keine Chance haben würde. Die Tessiner FDP wollte ein Zeichen setzen und als sich Cassis nach dem ersten Wahlgang selbst aus dem Rennen nahm, nutzte er die Gelegenheit für ein Statement: Seit 1999 – damals trat Flavio Cotti zurück – bleibe die italienische Schweiz immer mehr aussen vor, sagte der Tessiner vor der vereinigten Bundesversammlung. „Wir wollen keine Almosen oder vage Sympathiebekundungen“, fuhr er fort. „Wir wollen entschlossen, stolz und ohne Minderwertigkeitskomplexe die Zukunft des Landes mitgestalten.“ Jetzt im Restaurant drückt sich Cassis etwas trockener aus: „Wenn es diese dritte Schweiz wirklich gibt, dann muss sie in der Regierung vertreten sein. Stellen Sie sich vor, was wäre, wenn etwa die Romandie keinen Bundesrat mehr hätte.“ Noch bevor man sich das vorstellen kann, ruft er: “Die Revolution!“

Ist das nicht übertrieben? Macht es für die Schweiz wirklich einen Unterschied, ob einer von sieben Bundesräten aus dem Thurgau oder aus dem Tessin kommt? „Aus Sicht der Deutschschweiz vielleicht nicht, sie hat sowieso immer die Mehrheit“, sagt Cassis und stellt klar: Werde er gewählt, wolle er als Bundesrat primär etwas für die Schweiz erreichen, dabei aber seine emotionale und familiäre Verwurzelung nicht vergessen. Er werde sein Augenmerk auf die Talebene von Airolo richten, die es mit dem Bau der Gotthardröhre aufzuwerten gelte. Oder auf die Modebranche, welche die Nähe zur Modemetropole Mailand nutzen könne. „Das sind keine Tessiner, das sind Schweizer Anliegen“, betont Cassis. Er zeigt Richtung See: „Ausserdem liegt südwärts Italien mit über 60 Millionen Einwohnern.“ Er schüttelt den Kopf, als er sagt: „Und wir führen die Verhandlungen mit diesem Land auf Englisch.“ Was meint er denn dazu, dass beim neuen Medizinstudiengang im Tessin auf Englisch unterrichtet wird? Viel wichtiger als sich darüber zu streiten, kontert Cassis, sei die Einbindung des Tessins in die Ausbildung von Schweizer Ärzten, die nun endlich erfolgt sei.

Bei der Bundesratswahl 2010 hatte Cassis 12 Stimmen erreicht und damit sein Ziel um 2 Stimmen übertroffen. Sieben Jahre später sieht es anders aus: Jetzt will er die Wahl gewinnen. Er hat sich in der Zwischenzeit einen Namen verschafft, wurde Chef der FDP-Fraktion und präsidiert die Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit. Er holte sich als Gegner der vorliegenden Rentenreform bei den Linken den Vorwurf eines kompromisslosen Hardliners ein. Eine Kritik, die ihm nur zugutekommen kann, gab es doch bis anhin vielmehr Zweifel, ob er mit seiner freundlichen, umgänglichen und gesprächsbereiten Art das nötige Profil für einen Bundesrat mitbringe. Sein Kerngebiet blieb über all die Jahre hinweg das Gesundheitswesen, doch sein Blick darauf hat sich verändert. Als Präventionsmediziner sah er die gesundheitlichen Fortschritte, die sich dank Verboten erzielen lassen. Heute aber spricht der liberale Gesundheitspolitiker: „Wollen wir gesund oder wollen wir glücklich sein?“ Der Staat habe kein Recht, Menschen zur Gesundheit zu zwingen. „Ich lebe nicht, um gesund zu sein“, sagt Cassis, „ich will das Leben nützen, nicht verlängern“.

Diesmal muss Cassis mit der Wahl in den Bundesrat rechnen: „Ich würde ein Stück meiner Freiheit verlieren“, antwortet er auf die Frage nach den Nachteilen dieses Amtes. Doch diese redet er mit einer schweizerdeutschen Redensart weg: „Ich kann nicht den Fünfer und das Weggli haben.“ Er habe das auch mit seiner Frau besprochen. Als aussenstehende Person stellt man sich vor, dass im Hause Cassis ohne die Bundesratswahl in diesen Tagen ein ganz anderes Thema heiss diskutiert worden wäre: Cassis will genau wie der Bundesrat den Ärztetarif anpassen, was unter anderem bei den Radiologen Mindereinnahmen zur Folge hätte. Seine Frau ist Radiologin. Opportunismus kann man ihm in dieser Sache also nicht vorwerfen. Sie hätten über die Tarife geredet, bestätigt Cassis. Seine Frau halte sich in der Politik allerdings zurück. Er selbst bleibt dabei und in diesem Punkt kann man ihm keinen Opportunismus vorwerfen: „Jetzt ist bei der Tarifrevision staatlicher Druck nötig, denn nur so kommen Ärzte und Krankenkassen wieder zur Vernunft.“ Ein Tarifeingriff sei richtig, schliesslich seien medizinische Geräte wie andere technische Mittel günstiger geworden.

Damit ist das Gespräch bei einem Punkt, der in der Öffentlichkeit viel zu reden gibt. 2013 wurde Cassis Präsident des Krankenversicherungsverbands Curafutura. Er sagt es gleich selbst: „Mit diesem Schritt zum Krankencassis habe ich mich nicht beliebt gemacht.“ Doch er wollte wissen, wie die Krankenversicherer ticken und hat den Schritt nicht bereut, „zumal ich dadurch viel Führungs- und Verhandlungserfahrung gesammelt habe.“ Er erhalte für das 60-Prozent-Pensum 180 000 Franken im Jahr. Früher hat er als Vizepräsident der FMH für die Ärzte lobbyiert -„und keinen Menschen hat es interessiert, wie viel ich dafür erhalte“. Die Entlöhnung dürfte sich etwa im selben Rahmen befunden haben.

Doch während er als Mediziner und FMH-Vertreter vom guten Image der Ärzte getragen wurde, schlägt man ihm jetzt das schlechte Image der Krankenkassen um die Ohren. Die jährliche Prämiensteigerung sei ein Problem, sagt er. Aber dafür seien nicht die Krankenkassen verantwortlich. Als er fortfährt, passt sich seine Gestik der südländischen Umgebung an. „Die Prämien steigen, weil wir mehr Gesundheitsleistungen konsumieren, nicht weil die Krankenkassen böse sind.“

Ignazio Cassis unterrichtet an verschiedenen Universitäten. Dieser Ausgleich sei ihm wichtig, sagt er zum Schluss des Gesprächs, denn: „Die Politik frisst Dich.“ Er erklärt es so: „Wenn ich parteipolitisch argumentiere, muss ich das Blickfeld verengen. Aber eigentlich will ich die Welt nicht schwarz und weiss malen.“ Im Unterrichten könne er Sachfragen nachgehen und es werde deutlich, dass kompliziert nicht immer intransparent heissen müsse. Offenbar gelingt dieser Ausgleich, Cassis wirkt nicht wie ein Mensch, der nur bis zum Tellerrand schaut. Nun verabschiedet er sich und geht Richtung Bahnhof. Cassis wohnt einige Kilometer von Lugano entfernt in Montagnola. Er hoffe, es gelinge doch noch, einige Tage in die Ferien zu fahren, hatte er gesagt. Anfang August dann nominiert die Tessiner FDP und das Scheinwerferlicht geht wieder an.

Brigitte Walser
Ressort Politik

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