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Mein Weg in den Bundesrat

In den drei Monaten meiner Kandidatur lotete ich meine physischen und psychischen Grenzen aus. Ich fühlte mich wie in der Überlebenswoche der Offiziersschule.

Von Ignazio Cassis

Alles begann mit einem Raclette im Wallis. Es war der 13. Juni 2017. Wie jeden Dienstagnachmittag während der Session hätten wir in Bern eine reguläre Fraktionssitzung haben sollen. Doch der groupe latin, die Gruppe der lateinischen Ratsmitglieder, bat mich als Fraktionspräsidenten, die Sitzung mal fallenzulassen. Es waren ohnehin keine grosse Themen da – keine Masseneinwanderung, keine Altersvorsorge, keine Energiestrategie. So liess ich die Fraktionssitzung ausfallen. Die Deutschschweizer FDP-ler waren froh, einen freien Nachmittag zu haben. Und uns Romands und Tessiner zog es zu unserem Freund und Kollegen, alt Nationalratspräsident Jean-René Germanier, dem mehrmals preisgekrönten Walliser Winzer aus Vétroz neben Sitten.

Mitten im Rebberg genossen wir einen Apéro. Von dort spazierten wir hinunter zum Dorf und dann in die Kellerei, wo wei- tere Walliser FDP-Freunde auf uns warteten. Es gab ein feines Sommer-Raclette, und, hopp, ging es mit dem Zug nach Bern zurück. Gegen Mitternacht kamen wir an.

Ich hatte noch kein Wort gesagt

Am nächsten Tag liefen die üblichen Parlamentsgeschäfte. Kurz vor dreizehn Uhr tauchte FDP-Generalsekretär Samuel Lanz in der Wandelhalle auf und liess Parteipräsidentin Petra Gössi und mich zu sich rufen. Wir sollten vor der Mittagspause rasch bei unserem Bundesrat Didier Burkhalter vorbeigehen. Wenige Minuten später waren wir in seinem Büro. Er informierte uns über seinen Rücktritt aus dem Bundesrat. Die Überraschung war total. Um fünfzehn Uhr informierte Nationalratspräsident Jürg Stahl das Parlament und somit das Land: Didier Burkhalter tritt zurück per Ende Oktober 2017. Nachfolgewahlen sind in der Herbstsession!

Noch waren wir alle mit dem Krisenmanagement beschäftigt, und schon begann mein Name als Bundesratskandidat in den Medien zu zirkulieren. Gegen siebzehn Uhr war bereits überall davon zu lesen. Ich hatte selber noch gar kein Wort dazu gesagt. Der Druck der Medien stieg weiter an, so dass ich am nächsten Tag in der Wandelhalle erklären musste, es mir bis Ende Juli zu überlegen. Seither war mein Name täglich in den Medien unseres Landes zu lesen. Ich behaupte, der Cassis-de-Lugano ist in der Schweiz inzwischen bekannter als der Cassis-de-Dijon!

Die darauffolgenden Tage dienten mir und meiner Frau, meiner Familie und meinen Freunden der Abklärung und der Überlegung. Die FDP Tessin gab mir Zeit bis zum 10. Juli – nicht bis Ende Juli, wie von mir gewünscht. Anfang Juli traf ich den Entscheid. Der Parteivorstand definierte die Strategie und stellte sie an der Pressekonferenz vom 11. Juli in Camorino vor.

Damit begann die Phase eins: die Ausmarchung der Kandidaten in den Kantonen. Sie dauerte bis zur FDP-Delegiertenversammlung vom 1. August. Es war eine bewegte Zeit: Die Vielfalt der Meinungen animierte vor allem die Tessiner Medien. Regierungsrat Christian Vitta und alt Regierungsrätin Laura Sadis standen zur Verfügung. Es sah so aus, als sei der Anspruch der italienischen Schweiz, im Bundesrat wieder vertreten zu sein, ziemlich unbestritten. Somit stieg der Druck, mehrere Kandidaten aus dem gleichen Kanton zur Verfügung zu stellen. Die Parteileitung klärte die Lage mit den welschen FDP-Sektionen ab, doch diese wollten nicht auf eigene Kandidaturen verzichten. So beschloss der Vorstand der Tessiner FDP, nur mit einer Person zu kandidieren, und zwar mit derjenigen mit den grössten Wahlchancen. Die Delegierten der Tessiner FDP bestätigten diese Stossrichtung, und das Tessin begann wirklich zu hoffen.

Es kam die Phase zwei mit der Nominierung durch die FDP-Fraktion der Bundesversammlung. Diejenigen Medien, die im Juli bereits ein Interview mit mir hatten, wollten ein Porträt machen, und umgekehrt. Jedes Mal mit neuen, «frischen» Bildern. Niemals im Leben bin ich so viel fotografiert worden. Endlich kamen Anfang August zwei weitere Mitbewerber: der Genfer Staatsrat Pierre Maudet und meine Kollegin, Nationalrätin Isabelle Moret aus dem Waadtland. Ich dachte mir, dass das Interesse der Medien an meiner Person nun etwas nachlassen würde. Das Gegenteil war der Fall. Bei den von der FDP inszenierten Roadshows erlebte ich spannende Momente, die ich genossen habe. Dieser enge Kontakt mit der Bevölkerung war faszinierend. Diese Phase endete am 1. September mit dem Hearing vor der FDP-Fraktion, die mich offiziell nominierte.

«Hauptsache, du lebst noch»

Die dritte Phase meines Wegs in den Bundesrat dauerte vom 2. bis zum 20. September. Ich widmete diese zwanzig Tage ganz dem Parlament und der Wahl und lernte, Journalisten auch nein zu sagen. Die Vorbereitung der Hearings vor den anderen Parteien rückte ins Zentrum. Die Spannung stieg, und endlich kam der 20. September, der Tag der Wahl. Meine Frau Paola sah meine Entwicklung während dieser drei vergangenen Monate. Für sie gab es nur ein Anliegen: «Hauptsache, du lebst noch am 20. September!» Das habe ich geschafft.

Es war ein Privileg, kandidieren zu dürfen. Und zugleich ein grosser Stresstest. Ich lernte mich selber besser kennen, lotete meine physischen und psychischen Grenzen aus. Manchmal ist es mir vorgekommen, als sei ich immer noch in der Überlebenswoche der Offiziersschule. Wie damals entdeckte ich auch jetzt Ressourcen in mir, die man sonst nicht braucht.

Der Bundesrat ist eine wichtige Institution, in die das Volk grosses Vertrauen hat. Es ist richtig, dass Bundesratskandidaten unter die Lupe genommen werden, wobei die Grenze des Privatlebens ständig enger gezogen wird. Man fühlt sich immer wieder nackt und nicht selten allein. Auf meinen Schultern habe ich die Erwartungen eines ganzen Sprachgebiets gespürt. Niemand hätte mir diese Last wegnehmen können. Als Arzt kannte ich den Spruch «Mens sana in corpore sano» («Ein gesunder Geist sei in einem gesunden Körper»). So entschied ich mich für eine leichte Ernährung, wenig Alkohol und viel Jogging. Und schlief in der Nacht immer gut. Und kam durch.

 

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