Der Vorwurf des Lobbyismus gegen ihn ist verlogen
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Ich habe erwartet, dass viel Gift fliesst!

Sonntagsblick – 16.7.2017 – Interview mit Ignazio Cassis

Herr Cassis, wie findet es Ihre Frau, dass Sie Bundesrat werden wollen?
Sie ist nicht begeistert. Aber Sie sagte mir: ‘Ich sehe, wie begeistert Du von dieser Kandidatur bist. Also unterstütze ich Dich.’ Das war fast eine Liebeserklärung.

Sie sind kinderlos. War das ein bewusster Entscheid, um sich der Karriere zu widmen?
Überhaupt nicht. Meine Frau und ich wollten Kinder, aber es sind keine gekommen. Wir haben uns sogar überlegt, Kinder zu adoptieren.

Und Sie haben sich dagegen entschieden?
Wir haben so lange gezögert, dass es letztlich zu spät war. Aber dass wir so lange überlegt haben, zeigt vielleicht, dass wir nicht hundertprozentig überzeugt waren. So ist es ein Leben ohne eigene Kinder geworden.

Könnte das für den Bundesrat ein Vorteil sein? So könnten Sie sich ganz dem Amt widmen.
Da gibt es keine Regel. Jemand, der kinderlos ist und deswegen depressiv wird, nützt als Bundesrat sicher ebenso wenig wie jemand, der zu stark mit seinen Kleinkindern beschäftigt ist.

Der Vorstand der Tessiner FDP hat Sie am Dienstag alleine als Kandidat für die Landesregierung portiert. Wie haben Sie seither die Woche erlebt?
Wie ein Tsunami. Einen Medienrummel habe ich zwar schon mehrmals erlebt, etwa bei der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative, aber so personenzentriert noch nie.

Haben Sie mit der Kritik gerechnet?
Ich habe erwartet, dass auch viel Gift fliesst. Wie vor jeder Bundesratswahl.

Können Sie die Kritik am Vorgehen der Tessiner Parteileitung verstehen?
Ich glaube, jede Strategie wäre kritisiert worden. Die Kantonalpartei hat ihre Strategie gewählt, da war ich nicht involviert. Ich habe einzig darum gebeten, das ganze zu verzögern, damit ich noch ein paar ruhige Tage habe (lacht).

Passt der Einervorschlag der Parteispitze zu einer Volkspartei? Viele verlangen eine Auswahl der Tessiner.
Ich habe mich da bewusst draussen gehalten. Ich konzentriere mich auf die Kandidatur. Die Strategie ist Sache der Partei.

Die FDP wird am 20. September wohl ein Zweierticket präsentieren. Soll die zweite Person eine Frau sein?
Das sind strategische Fragen, zu denen ich mich als Kandidat nicht äussern kann.

Hätten Sie vor der Bundesversammlung lieber Konkurrenz aus dem Welschland oder aus dem Tessin?
Ich kann mit beidem leben. Es ist keine Präsidialwahl à la Macron. Hier geht es darum, ein Siebtel einer Gesamtregierung zu besetzen. Das ist die Schweiz. Ein Bundesrat hat nicht die Macht, dass er das Schicksal des Landes bestimmen kann.

Unter der Bundeshauskuppel geht es aber um viel. Dort verkörpern Sie einen Widerspruch: Sie sind Arzt und lobbyieren gleichzeitig für einen Krankenkassenverband.
Das ist kein Widerspruch (nimmt ein Blatt Papier und beginnt zu zeichnen). Unser Gesundheitswesen gleicht einem Dreieck: Der Staat sorgt für die Regeln. Und auf der einen Seite sind die Leistungserbringer, auf der anderen die Versicherer. Diese regeln im Auftrag der Versicherten die Details mit den Leistungserbringern. Ich kenne die Optik der Ärzte, ich war als Kantonsarzt auch beim Staat. Mir fehlte noch die Perspektive der Versicherer. Als 2013 der Verband Curafutura gegründet wurde, hatte ich die Chance erhalten, auch diese Perspektiven zu entdecken.  Somit kenne ich das ganze System.

Verstehen Sie, dass die Bevölkerung an der Unabhängigkeit von Politikern zweifelt, die hochbezahlte Mandate entgegennehmen?
Das ist die Grundsatzfrage des Milizparlaments. Hier stammt jeder Politiker aus einem Beruf, den er gelernt hat und kennt. In einer Bank oder in einem Elektrizitätswerk hätte ich wenig beizutragen.

Aber in einer Arztpraxis!
Wenn die Leute wollen, dass die 246 Bundesparlamentarier keiner Arbeit nachgehen , sind wir bei Berufsparlament. Aber gibt es in den Parlamenten unserer Nachbarländer weniger Interessenkonflikte? Verbände und Berufsorganisationen haben eine wichtige Scharnierfunktion zwischen Politiker und Öffentlichkeit.

Gut, aber die Sache sollte voll transparent sein.
Als Präsident von Curafutura erhalte ich 180000 Franken. Wir haben das klipp und klar kommuniziert.

Auf welches Gehalt kommen Sie insgesamt?
Ich habe vier Mandate: Ich präsidiere zwei Verbände (curafutura und CURAVIVA Schweiz) und zwei Stiftungen. Zusammen mit dem Parlamentariergehalt komme ich auf ca. 300‘000 Franken Jahreseinkommen. Daneben habe ich ehrenamtliche Mandate, die auf der Internetseite des Parlaments aufgelistet sind.

Sie sind freisinniger Berufspolitiker. Auch das ist ein Widerspruch.
Von den 40000 tätigen Ärzten in der Schweiz sind 53 Prozent Angestellte. Ich war jahrelang öffentlich angestellter Arzt, übrigens bei einem SP-geführten Departement. Mich interessiert die Allgemeinheit mehr als mein privates Geschäft.

Sehr ungewöhnlich für einen FDP-Politiker!
Für viele Menschen stehen die Liberalen heute für die Wirtschaft und die SP für den Staat. Dabei geht vergessen, dass die Liberalen einst die wichtigsten staatlichen Infrastrukturen geschaffen haben. Nehmen Sie nur die ETH, die ein Verdienst der Liberalen ist. Liberalismus steht für einen schlanken, aber starken Staat, der dort tätig wird, wo Gesellschaft und Wirtschaft die Probleme nicht lösen können.

Brechen wir das herunter auf politische Themen: Hat es in der Landwirtschaft zu viel Staat?
Ja, ich stehe ein für mehr Markt in der Landwirtschaft.

Auch wenn das ein paar Stimmen in der SVP kostet?
Ich bin ich, und ich bin ein Liberaler. Ich muss weder Christian Levrat noch Albert Rösti gefallen.

Wie stehen Sie als Liberaler zum Tessiner Burkaverbot?
Das Wort Verbot gefällt mir natürlich nicht. Aber ich will, dass jeder sein Gesicht zeigt in der Öffentlichkeit. Verhüllung ist nur einmal im Jahr akzeptabel – zu Karneval.

Sind Sie für die Homo-Ehe?
Jeder sollte so leben, wie er es wünscht, da bin ich sehr liberal. Auch gleichgeschlechtliche Paare in einer dauerhaften und staatlich verbrieften Beziehung sollten die gleichen Rechte haben wie Ehepaare. Diese Rechte zu schützen, sollte auch möglich sein, ohne andere zu verletzen, indem man das Ehe nennt.

Sollten Homosexuelle Kinder adoptieren dürfen?
Für mich ist das kein Problem – solange das Wohl des Kindes im Mittelpunkt steht. Wir haben zunehmend Studien, die zeigen, dass es Kindern ebenso gut geht, wenn ihre Eltern zwei Väter oder zwei Mütter sind.

Sollte der Staat mehr für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie tun?
Ja. Für mich stehen hier die Steuern im Fokus. Heute haben in den meisten Familien beide Elternteile eine gute Ausbildung. Damit sich beide dem Beruf widmen können, sollte man sie bei den Kosten für die Kinderbetreuung steuerlich entlasten.

Sie wollen eine Tessiner Perspektive in den Bundesrat einbringen, stehen aber für die Personenfreizügigkeit ein. Im Tessin mag die EU nicht sonderlich.
Wir brauchen endlich ein Doppelbesteuerungsabkommen inkl. Grenzgängerabkommen mit Italien. Dann ist die Personenfreizügigkeit auch im Tessin kein Thema mehr. Hier könnte eine Tessiner Vertretung schon einen Impuls geben.

Sie sind jetzt 56 Jahre alt. Wie lange würden Sie im Bundesrat bleiben wollen?
Man weiss nicht, was im Leben passieren wird. Wenn ich zurückschaue, haben die einzelnen Kapitel in meinem Leben immer etwa zehn Jahre gedauert. Zehn Jahre scheinen mir eine vernünftige Zeitspanne zu sein.

Sie sind seit zehn Jahren im Nationalrat. Was passiert, wenn Sie nicht gewählt werden? Treten Sie dann aus dem Nationalrat zurück?
Nein. Aber ich würde mir schwer überlegen, 2019 erneut zu kandidieren.

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