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Ein knallharter Softie

Wahlfavorit Ignazio Cassis hat sich zum Rechtsliberalen gewandelt – und kämpft gegen sein Lobbyisten-Image an.

SIMON HEHLI

Es ist ein hartes Assessment unter den Augen der ganzen Nation. Ignazio Cassis hetzt derzeit von Termin zu Termin, denn die Politikerkaste, die Medien und das Volk wollen wissen: Taugt der Mann zum Bundesrat? Die Tessiner FDP portiert ihn als einzigen Kandidaten für die Nachfolge von Didier Burkhalter. Cassis gilt als turmhoher Favorit – allein schon, weil der Anspruch des Tessins, endlich wieder einen Sitz in der Landesregierung zu erhalten, praktisch unbestritten ist. «Das ist nicht nur ein Vorteil, denn den Favoriten nimmt man besonders kritisch unter die Lupe», sagt Cassis in einem Café oberhalb der Altstadt von Lugano. Immer wieder stoppen Einheimische und Deutschschweizer Touristen am Tisch und wünschen: «Viel Glück!»

Cassis zitiert das Sprichwort «Wer als Papst ins Konklave geht, kommt als Kardinal wieder heraus». Er weiss, dass die Fallhöhe für die meistgenannten Anwärter besonders hoch ist. Dass der Boulevard seinen Möbelgeschmack – Sofa mit Blüemli-Bezug und 90er-Jahre-Couch-tisch – infrage stellt, darüber kann er schmunzeln. Schwerer zu kauen hat er an der Kritik an seiner Ämterkumulation. Cassis präsidierte bis vor kurzem die freisinnige Fraktion, die nationalrätliche Gesundheitskommission, den Krankenkassenverband Curafutura und den Heimverband Curaviva. Dass er für das Curafutura-Mandat jährlich 180‘000 Franken bezogen hat, kommentieren einzelne Medien mit Empörung und bemängeln, die Krankenkassen hätten künftig einen Fürsprecher in der Landesregierung.

 

Der Wert des direkten Drahts

 

Ein im Bundeshaus bestens vernetzter Lobbyist sagt, solche Bedenken seien nicht völlig aus der Luft gegriffen: «Für eine Branche ist es von hohem Wert, einen direkten Draht zu einem potenziellen Bundesrat zu haben – denn nach Antritt des Amtes wird es schwierig, an die Magistraten heranzukommen.» Für Cassis hingegen ist klar, dass ein in den Bundesrat gewählter Politiker die Welt der Interessenvertretung sofort hinter sich lasse und sich zu 200 Prozent in den Dienst des Volkes stelle. «Doris Leuthard kämpfte als Parlamentarierin für die Kernkraft – und führte die Schweiz zum Atomausstieg, Johann Schneider- Ammann war höchster Lobbyist der Metallindustrie – und setzt sich nun für die gesamte Wirtschaft ein.»

Die grosszügige Entlöhnung durch Curafutura hält Cassis, der sich als Präsident derzeit im Ausstand befindet, für gerechtfertigt. «Das Präsidium ist nicht einfach irgendein Pöstchen, sondern mein Job.» Dass Milizpolitiker einen gewissen Marktwert hätten, sei doch schön. Dass er an den Pranger gestellt werde, habe auch mit dem Ruf der Krankenkassen zu tun, glaubt Cassis. Als Vize- präsident der Ärztevereinigung FMH von 2008 bis 2012 verdiente er jährlich 150 000 Franken. «Aber das hat niemanden gekümmert – schliesslich sind Ärzte ja a priori gut, und die Kassen sind böse.» Auch seine parteiinterne Konkurrentin Isabelle Moret hält Krankenkassen-mandate für anrüchig, wie sie schon mehrfach zu Protokoll gab. Es sind aber vor allem die Linken, die sich auf Cassis eingeschossen haben. SP-Chef Christian Levrat zeigt sich immer noch erzürnt über die unnachgiebige Linie, die Cassis bei der Reform der Altersvorsorge fuhr. Der frühere SP-Fraktionschef Franco Cavalli wirft seinem Tessiner Landsmann in der «Wochenzeitung» Opportu- nismus vor: Er habe sich nur aus Karriereüberlegungen von seinen linksliberalen Wurzeln verabschiedet und sei nach rechts gerutscht. Das Kalkül hinter den Attacken ist jedoch durchsichtig: Der Linken, die trotz bürgerlichem Wahlsieg 2015 eine erfolgreiche Legislatur erlebt, graut davor, dass die bürgerliche Bundesratsmehrheit mit Cassis ihre Muskeln wieder stärker spielen lässt.

 

Starker Mann ersehnt

Die Befürchtungen der einen sind die Sehnsüchte der anderen. Der FDP fehlt seit dem Rücktritt von Pascal Couchepin 2009 eine dominante Figur in der Landesregierung, Cassis  soll Abhilfe schaffen. Doch hat der umgängliche Mediziner dazu die nötige Wasserverdrängung? Als Fraktionschef beschrieb er seine Rolle als «Mechaniker im Maschinenraum», ohne Anspruch, die Richtung vorzugeben. Solche Aussagen brachten ihm ein Softie-Image ein – anders als Couchepin, der sich mit breiter Brust in jeden Konflikt stürzte.

Ein Fraktionschef sei umgeben von Alphatieren, die sich nichts befehlen liessen, da seien viele «soft skills» nötig, erklärt Cassis. «Im Bundesrat ist es ähnlich: Wer als einer von sieben in diesem Gremium etwas erreichen will, braucht Fingerspitzengefühl und Sozialkompetenz. Die Schweizer haben eine Abneigung gegen jede Machtkonzentration, da kann ich nicht den Napoleon spielen.» In der Rolle als Departementschef seien hingegen andere Qualitäten gefragt. «Es darf nicht sein, dass die Beamten den Kurs bestimmen, das ist Aufgabe des Chefs.»

Cassis meint, er habe zur Genüge bewiesen, dass er auch «knallhart» agieren könne – nicht nur bei der Altersvorsorge, sondern auch bei der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative, für die er eine Allianz mit der SP gegen die SVP einging. Mehrere Fraktionskollegen prophezeien, dass Cassis ein starker Bundesrat wäre. «Er hat viel politisches Know-how, verliert sich aber nicht in den Details und sieht die grossen Linien – das ist wichtig, wenn man nicht zum Spielball der Verwaltung werden will», sagt ein FDP-Nationalrat.

Ein strammer Rechtsliberaler war Cassis nicht immer, da hat Cavalli recht. Cassis’ Weltanschauung ist deutlich bürgerlicher als vor zehn Jahren. Er spricht von einem Lernprozess, den er durch- gemacht habe, seit er 2007 in den Nationalrat einzog. «Als Präventivmediziner dachte ich früher, dass man den Menschen vor sich selber schützen müsse, als Kantonsarzt waren dann immer feinere Regulierungen das Hauptinstrument, mit dem ich etwas erreichen konnte.» Inzwischen sei ihm bewusst geworden, dass staatliche Regulierungen ein immer engeres Korsett um die Bürger schnür- ten. «Wir brauchen doch keinen Dauerschutz, als ob wir ein Leben lang Teenager blieben. Scheitern gehört zu unserem Dasein dazu.» Ein «blinder Ideologe» will Cassis jedoch nicht sein. Er sieht sich selber vielmehr als Intellektuellen, der zuhört und die Probleme in ihre Einzelteile zerlegen kann.

 

Cassis will zehn Jahre bleiben

Cassis stammt aus einfachen Verhältnissen in einem kleinen Tessiner Dorf, er und seine Frau, die ebenfalls Ärztin ist, leben nun aber mit anderen Arrivierten sonnenbeschienen in Collina d’Oro nahe Lugano. Und der ultimative Karrieresprung rückt näher. Bis zum AHV-Alter oder darüber hinaus will der 56-Jährige im Bundesrat bleiben, je nachdem, wie hoch dieses dann sei, sagt der Befürworter von Rentenalter 67 und lacht. Medizinstudium, Arzt, Kantonsarzt, Parlamentarier – in seiner beruflichen Laufbahn gebe es einen Zehnjahresrhythmus, der sich bewährt habe. «Und ich investiere doch nicht so viel Energie in meine Kandidatur, um nach vier Jahren wieder abzutreten.» Ein letztes Händeschütteln hier und da, ein Lächeln, dann wartet schon der nächste Termin.

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