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Der Harmoniebedürftige

Ignazio Cassis will in den Bundesrat. Er braucht eine dickere Haut.

Als Nationalrat wurde Ignazio Cassis von allen gemocht. Doch dem Bundesratskandidaten weht nun ein rauerer Wind entgegen. Daran muss er sich erst noch gewöhnen.

Kathrin Alder

Ignazio Cassis, FDP-Fraktionspräsident und derzeit vor allem Tessiner Bundesratskandidat, steht auf dem Zürcher Sechseläutenplatz und wartet auf die Sonne, wartet darauf, dass sich das Wolkenband verzieht und er sich dem Fotografen wieder im besten Licht präsentieren kann. Dazu hatte er in den letzten Wochen bereits viel Gelegenheit.

Dazu hatte er in den letzten Wochen bereits viel Gelegenheit. Nur wenige Minuten nach dem Rücktritt von Bundesrat Didier Burkhalter waren alle Augen auf ihn gerichtet. Nach fast zwanzig Jahren Abstinenz sei es wieder höchste Zeit für einen Tessiner Bundesrat, hiess es. Es wurden weitere Namen genannt, jener der ehemaligen Staatsrätin Laura Sadis, jener des aktuellen Finanzdirektors Christian Vitta, doch im Prinzip ist schon lange klar, was seit dieser Woche offiziell ist: Der Vorstand der Tessiner FDP setzt auf Ignazio Cassis.

Dieser gefällt sich in der Rolle des Kronfavoriten, doch mache er sich auch Sorgen, so früh als Kandidat aufzutauchen, sagt er. Es dauert nicht lange und Cassis wird angesprochen, bereitwillig stellt er sich für ein Selfie zur Verfügung.

Ein junger Mann hält sein Mobiltelefon in die Luft und zieht seine Freundin heran. Cassis stellt sich zwischen das Paar, freundlich, locker, obwohl er schon seit einer halbe Stunde für einen professionellen Fotografen posiert. «Grazie mille ed in bocca al lupo», verabschiedet sich das Paar – vielen Dank und viel Glück.

Spät Politiker geworden
Doch Bundesräte werden nicht vom Volk gewählt, sie werden in Bern gemacht, unter der Bundeshauskuppel, wo taktiert wird und am Ende eigene Ambitionen, Präferenzen und Sympathien den Ausschlag geben. Cassis sei umgänglich und kollegial, heisst es unter Volks- und Kantonsvertretern, und zwar parteiübergreifend. Eloquent sei er, spreche er doch die drei Amtssprachen perfekt, humorvoll, gleichzeitig gescheit, kein «Schnellschiesser», zuweilen ein bisschen chaotisch. Was zunächst sympathisch klingt, wird ihm aber auch als Schwäche ausgelegt: Er sei nett, vielleicht zu nett, heisst es.

Cassis’ Politkarriere ist keine gewöhnliche. Zwar war er zehn Jahre in der Legislative seiner Gemeinde, doch die kantonale Ochsentour hat er nicht gemacht. Seine Familie war nie politisch, auch er selbst war es lange nicht. Er studierte in Zürich und Lausanne Medizin, kehrte ins Tessin zurück, führte dort 1989 die erste HIV-Sprechstunde durch. Er wurde Präventivmediziner und 1996 Kantonsarzt, in einem sozialdemokratisch geführten Gesundheitsdepartement.

«Ich kenne die Verwaltung, war zu dieser Zeit Scharnierstelle zwischen Medizin und Politik», sagt Cassis. Dabei habe er gemerkt, dass gewisse Normen und Vorgaben der Politik nicht funktionierten. Schnell sei der Drang gewachsen, selber zu gestalten. Liberal sei er immer gewesen, sagt er, dies habe er gerade in Diskussionen mit seiner damaligen Chefin, Ex-SP-Staatsrätin Patrizia Pesenti, gespürt. Ausserdem hatte er Freunde bei der FDP, begann irgendwann, Bücher über den Liberalismus zu lesen, etwa Milton Friedman. 2003 wurde er schliesslich angefragt, die Nationalratsliste der Tessiner Freisinnigen zu füllen. Man brauche noch einen Arzt. Cassis willigte ein, landete überraschend auf dem ersten Ersatzplatz und rückte 2007 als 46-Jähriger in die grosse Kammer nach.

Vom Umgang mit Kritik
Seither, so zeigt eine NZZ-Auswertung und so sagt er selbst, ist Cassis nach rechts gerutscht. Zunächst politisierte er am linken Rand der FDP-Fraktion; nun hat er sich eingemittet. Er ist wirtschaftliberal und staatskritisch. Hat sich Cassis aus Karrieregründen dem freisinnigen Mainstream angepasst? Immerhin profilierte er sich, wurde in seiner Partei zum Wortführer in der Gesundheits- und Sozialpolitik und amtet seit 2015 als Fraktionspräsident.

Doch Cassis ist gesellschaftsliberaler als der Durchschnitt, er setzte sich schon früh für die Legalisierung von Cannabis ein. Und auch als Präventivmediziner bleibt er sich treu. So stimmte er als einziger FDP-Nationalrat für das Tabakproduktegesetz, das ein Werbeverbot für Tabakprodukte enthielt. Der Rest der Fraktion wies das Gesetz an den Bundesrat zurück.

Es gibt in Bern dennoch Stimmen, die ihm Opportunismus vorwerfen. Er sei früher offener gewesen für unterschiedliche Meinungen, heisst es. Ausserdem sei es nicht sehr glaubwürdig, wenn er früher als Vizepräsident der Ärztevereinigung FMH für höhere Arzt-Löhne gekämpft habe und nun als Präsident des Krankenkassenverbands Curafutura mit einem fürstlichen Jahreslohn von 180 000 Franken erkläre, er setze sich für tiefere Krankenkassenprämien ein. Überhaupt sei Cassis ein «Kassen-Lobbyist », ein knallharter Interessenvertreter. Dass diese Stimmen vor allem von Links und aus der CVP kommen, verwundert Cassis nicht. Das gehöre zum Spiel, sagt er im Gespräch. In der Schweiz habe man ein Milizparlament, ausserdem sei er bei seinen Ämtern immer transparent gewesen. Zum ersten Mal wird er emotional, gestikuliert, hebt seine Stimme. Viele seiner Kollegen hätten ähnliche Verpflichtungen und keiner störe sich daran. «Von mir weiss man, was ich verdiene. Bei den anderen ist das nicht so.»

Kritisiert wurde Cassis aber auch als Präsident der Gesundheitskommission. Insbesondere die SP wirft ihm vor, bei der Debatte um die Rentenreform habe er Parteipolitik betrieben und sei zu wenig kompromissbereit gewesen. Doch dies sehen bei weitem nicht alle Kommissionsmitglieder so. Unterstützung erhält er nicht nur von der FDP. Auch Kommissionsmitglied Christian Lohr (cvp.) findet die Kritik ungerecht: «Ich habe ihn nie als polarisierend wahrgenommen. Auch habe ich nie erlebt, dass er jemandem ins Wort gefallen ist oder gar einen Redner abgeklemmt hat.»

Natürlich werde er lieber gelobt als kritisiert, sagt Cassis. Doch er wisse, dass man als Bundesrat eine dicke Haut brauche, eine zweite Haut, wie es Burkhalter bei seinem Rücktritt formulierte. Darüber habe er in den letzten Wochen intensiv nachgedacht. Seine eigenen Leute in der Fraktion sagen, er sei harmoniebedürftig und habe zuweilen Mühe damit, Entscheidungen zu treffen. Doch sie sagen auch, er habe schnell dazugelernt, führe nun effizienter durch die Geschäfte als zu Beginn. In eine Aufgabe hineinzuwachsen ist keine schlechte Voraussetzung für ein Amt in der Landesregierung. Und vielleicht wächst ihm auch bald noch eine zweite Haut.

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